Der Jäger am Galgen

 

Vor einigen hundert Jahren benötigte der Herr auf Wildberg einen neuen Jäger. Er ließ das im Lande ringsum kundtun und bald fanden sich auch zwei Burschen, die sich um die Stelle bewarben.

Da die Arbeit natürlich nur einer bekommen konnte, sagte der Graf zu ihnen: „Ich nehme euch vorläufig beide zur Probe auf. Wer sich nach einem Monat als der Bessere erwiesen hat, der kann bleiben.“ Den Ganzen Monat über bemühten sich die beiden, das Wohlgefallen des Herrn Grafen zu erlangen. Dabei begannen sie sich gegenseitig ganz fürchterlich zu hassen. Als der Monat fast um war, war ihre Wut schon so groß geworden, dass sie mit den Jagdgewehren aufeinander losgingen. Es krachte ein Schuss und einer stürzte - zu Tode getroffen - nieder. Als der andere sah, was er angerichtet hatte, wollte er fliehen. Er kam aber nicht weit, da ihn die Soldaten einholten, verhafteten und in den Kerker warfen. Einige Tage später wurde Gericht gehalten und der Mörder verurteilt, der kurze Zeit später am Galgenholz hing.

Der Totengräber von Messern bekam den Auftrag, für den Gehenkten in der Nähe des Galgens ein Grab zu schaufeln. Es war ihm gar nicht recht wohl bei dieser Arbeit, hatte er doch ständig den Galgen vor Augen, auf dem der Körper des Jägers im Wind baumelte.

Da ihm aber einige Leute zusahen, vergaß er seine Angst und arbeitete fleißig drauflos. Plötzlich erhob sich am Galgenberg ein schwerer Sturm und brauste heulend auf die Menschen beim Grab zu. Gleich darauf erhielt der Totengräber eine so ungeheure Ohrfeige, dass diesem seine Pfeife in weitem Bogen aus dem Mund flog und alle liefen schleunigst davon.

Ein paar Tage später, war der Tote vom Galgen verschwunden.

Manche erzählen, die Raben hätten ihn gefressen, andere sagen, er sei von selbst herab gekommen und in das vorbereitete Grab gestiegen. Dort aber scheint er keine Ruhe zu finden, denn man hat ihn im Gefolge der Wilden Jagd gesehen, die nächtens oft vom Galgenberg weg ins Land rast.

 

Quelle: A. Kastner (Hg.), Waldviertler Heimatbuch, Zwettl 1994.