Wettlauf gegen die Eisenbahn

 

Am 1. November 1869 wurde das Teilstück Budweis – Eggenburg der Franz-Josefs-Bahn dem Verkehr übergeben. Zum ersten Mal fuhren damit Züge durch das nördliche Waldviertel und so war dieses Ereignis Anlass zu vielen Feiern und Festlichkeiten. Besonders freudig ging es bei einer Feier zu, zu dieser der Obmann der „k. k. priv. Kaiser-Franz-Josefs-Bahn-Gesellschaft“, Fürst Johann Adolf zu Schwarzenberg, geladen hatte: Es standen in mehreren Gruppen die hohen Gäste und die Mitglieder des Vorstandes der Bahngesellschaft beisammen und diskutierten über den Bahnbau im Allgemeinen und über die Erschließung der nördlichen Gebiete der Monarchie durch die Franz-Josefs-Bahn. Immer lauter und hitziger wurde das Gespräch und alle überboten sich im Aufzählen der Vorteile, welche der Bahnverkehr den betroffenen Gegenden bringen würde.

Etwas abseits des Trubels stand ein sportlich gekleideter, junger Mann und hörte mit leichtem Lächeln den Reden zu, in denen gerade über die große Geschwindigkeit des neuen Verkehrsmittels gesprochen wurde. Da wandte sich einer der Männer an ihn und fragte: „Graf, sie lächeln? Was sagen sie zu der großen Geschwindigkeit, mit der uns heute die Eisenbahn von Ort zu Ort trägt?“ Das Lächeln des Grafen verstärkte sich und er antwortete: „Gar so groß ist dieses Tempo auch wieder nicht. Ich wette, mein Reitpferd ist schneller!“ Es war, als ob er mit diesen Worten in ein Wespennest gestochen hätte. „Hört, was der Graf behauptet! Er sagt, sein Reitpferd sei schneller als der Zug! Er bietet eine Wette an!“, so rief es durcheinander und man beruhigte sich erst, als eines des Vorstandsmitglieder - ein hoher adeliger Herr – dazwischen schrie und um Ruhe bat. Dann sagte dieser: „Gut, die Wette gilt. An welche Entfernung haben sie aber dabei gedacht?“ Der Graf antwortete mit einem Achselzucken: „Das ist mir gleichgültig, vielleicht die Strecke Göpfritz an der Wild - Sigmundsherberg.“ „Wenn das dem Pferd nicht zu weit ist, so sind wir einverstanden!“, kam es zurück und „Worum wetten wir?“

Stolz warf der Graf den Kopf in den Nacken und nannte eine Summe, bei der es auf einmal ganz still im Raum wurde. Doch die Männer des Vorstandes konnten oder wollten nicht mehr zurück. Sie besprachen sich, wie sie den Betrag im Falle des Verlierens unter sich teilen würden und schlugen ein.

Noch in der Nacht reiste der Graf in das Waldviertel, wo er seine Güter hatte. Kaum im Schloss angelangt, führte ihn sein Weg in die Stallungen. Dort stand ein Hengst, ein englisches Vollblutpferd. Es war ein wunderbares Tier mit breiten, festen Sehnen und hohen schlanken Gliedern, seine Brust war muskulös und die Hinterhand stark ausgebildet, der lange, kraftvoll geschwungene Hals trug einen kleinen Kopf. Freudig schnaubend begrüßte das Tier den Herrn. „Mein Lieber, mein Guter“, sagte der Graf, „übermorgen kannst du zeigen, was in dir steckt. Du sollst mit der Bahn um die Wette laufen!“ Mit einem lauten Wiehern antwortete das Pferd, es schien die Worte verstanden zu haben. Schnell vergingen die nächsten Stunden, in denen alle Vorbereitungen getroffen wurden. Dann dämmerte der Tag, an dem das Rennen stattfinden sollte.

Zeitig am morgen ging der Graf mit dem Pferd an der Hand zum Bahnhof Göpfritz. Die Wettpartner hatten sich bereits eingefunden und auch eine Lokomotive, an der mehrere Waggons hingen, stand unter Dampf.

Kurz wurden noch mal die Wettbedingungen besprochen, die besagten, dass derjenige gewonnen hatte, der zuerst beim Bahnhofsgebäude Sigmundsherberg ankommt. Dann stiegen die Männer in den Zug und der Graf schwang sich auf seinen Hengst. Die Lokomotive stieß einen Pfiff aus und der Wettlauf begann. Der Reiter duckte sich im Sattel ganz tief um den Luftwiderstand zu vermindern und galoppierte weg. Brausend und zischend rollte gleichzeitig die Zuggarnitur los. Wald und Wiesen flogen förmlich vorbei. Dann eine kleine Station, namens Blumau. Die Männer im Waggon achteten nicht darauf, sie suchten mit ihren Augen den Reiter, der schon einen beachtlichen Vorsprung hatte. „Er wird schon langsamer werden“, meinte einer, „noch ist der Weg lang.“ Angstvoller wurden aber ihre Stimmen, als Irnfritz, Ludweishofen und Hötzelsdorf durchfahren wurden und der Graf gut einen Kilometer vor ihnen war. „Los“, rief einer zur Lokomotive, zum Führer vor, „los, gib Dampf, sonst gewinnt der wirklich!“ „Es geht nicht schneller! Wollt ihr, dass des Kessel platzt?“ war die Antwort. Der Graf sprach unterdessen mit dem rasenden Pferd: „Lauf mein Braver, lauf, lauf. Wir werden es ihnen zeigen, wer der schnellere ist!“ Lobend strich er dabei dem Tier über den fast waagrecht gestreckten, schweißnassen Hals. Der Rappe stieß einen tiefen, schnaubenden Ton hervor, der seine Zustimmung ausdrücken sollte und griff noch weiter aus. Die Landschaft zog wie ein Film vorbei. Der Graf hob sich leicht im Sattel, denn er wollte dem Hengst die Last erleichtern. Vorne tauchten schon die Gebäude der Eisenbahnstation Sigmundsherberg auf. Der Graf sah sich nicht um, denn er wusste den Zug weit hinter sich. Vor ihnen lagen nur mehr ein flacher Wiesenstreifen und wenige Felder.

Mitten durch die Wiese zog sich ein Entwässerungsgraben. Ringsum war es sumpfig und moorig. Das Wasser spritzte weit, als das Pferd über die feuchten Stellen lief und auf den Kanal zuhetzte. Es setzte zum Sprung an, stieg hoch empor und gelangte mit einem eleganten Satz über das Hindernis. Doch dann geschah es: Niemand hätte das Loch sehen können, so war es mit Gras zugewachsen. Wahrscheinlich wurde es beim Entwässern der Wiese gemacht. Mit unheimlicher Wucht stieß das rechte Vorderbein des Tieres in die Vertiefung, es knickte ein und überschlug sich. In weitem Bogen stürzte der Reiter über dessen Kopf. Noch während des Falles hörte der Graf den hellen Schmerzensschrei des Pferdes, einen Ruf, der Weh und Leid ausdrückte. Benommen rappelte sich der Graf hoch und humpelte zu seinem tierischen Freund. Der Hengst versuchte hochzukommen, jedoch gelang es ihm nicht und er fiel wieder auf den Boden zurück. Eines der Vorderbeine stand im unnatürlichen Winkel vom Körper ab – es war gebrochen. Der Graf vergaß das Wettrennen und hörte weder den näher kommenden Zug, noch das Geschrei der Leute, die vom nahen Stationshaus herbei liefen. Weinend sank er neben dem Tier zu Boden, nahm dessen Kopf in seine Arme und sprach leise zu diesem.

Die Eisenbahn hielt kreischend. Menschen sprangen aus den Waggons und liefen herzu. „Was ist geschehen? Was ist los? Bald hätten sie gewonnen! Warum…“, klang es durcheinander. Dann verstanden die Leute und verstummten. Sie blickten mitfühlend auf das schnaubende Pferd und den schluchzenden Mann. Wohl eine Stunde kniete der Graf beim Pferd. Dann erhob er sich und sprach mit einem Polizisten, der ihm dann seinen Revolver gab. Der Graf ging wieder zum Pferd, das ihn mit bitteren Augen anstarrte, zurück. Dann krachte der Schuss, der Graf ließ den Revolver fallen und schritt auf den Bahndamm, wo er kurz auf die Lokomotive blickte, bis er endgültig wegging.

 

Quelle: A. Kastner (Hg.), Waldviertler Heimatbuch, Zwettl 1994.